Baukunst in Baden
  Oberkirch
 



Oberkirch liegt nördlich von Offenburg am Übertritt des Renchtales in die Rheinebene; landschaftlich reizvoll genug, wie man sich denken kann, zu Füssen des Schwarzwaldes. Spätestens im 11. Jahrhundert entstand an dieser strategisch günstigen Position eine Ansiedlung, ungefähr gleichzeitig mit der über Ort und Taleingang wachenden Schauenburg (Wanderungen Band ‘1’). Beide kamen und erhielten Förderung aus der Hand der einflussreichen und in Südbaden durch vielerlei Stadtgründung segensreich wirkenden Zähringer Herzöge. Schon um 1225 findet man Oberkirch als Stadt bezeichnet, aber erst 101 Jahre später auch mit dem offiziellen Status und den damit verbundenen Vorzügen. Zu diesem Zeitpunkt, die einst mächtigen Zähringer waren "ausgestorben", fand sich die Ansiedlung seit 1303 unter Obhut des Straßburger Bischofs. Eine Verbindung, welche nachmals zwar durch mancherlei Verpfändung (unter anderem an Badens großen Held, den "Türkenlouis", Markgraf von Baden-Baden) unterbrochen, während für genau(!) ein halbes Jahrtausend. Die Bischöfe erwiesen der Stadt zunächst nicht geringe Gunst; befestigten mit einer ungewöhnlich regelmäßigen, annähernd kreisförmigen doppelten Stadtmauer und machten Oberkirch ab circa 1400 zur Hauptstadt der nicht kleinen straßburgischen Besitzung, welche seit 1316 fast den gesamten Rench-Lauf und das obere Drittel des Acher-Laufes umfasste. Oppenau und Sasbach waren hier die weiteren Hauptorte und das nicht allzu ferne Allerheiligen die bedeutende Abtei.
     Guten und schwierigeren Zeiten folgte das bis dato ungekannte Leid, welches das abscheuliche 17. Jahrhundert freilich auch nach Oberkirch tragen "musste". Der 30jährige Krieg machte aus solch relativ kleiner Stadt den üblichen "Spielball", der, unter Dezimierung um die Hälfte der Bürgerschaft, zwischen kaiserlichen Truppen, Schweden und Franzosen hin und her gestoßen. Als einer Stadt an der Rheinebene war dieses grausame Wirken — kaum möchte man es glauben — jedoch "nur" das Vorspiel für des "Sonnenkönigs" Griff über den Rhein! Im Pfälzischen Erbfolgekrieg, namentlich am 10. September 1689 ward das arme Oberkirch wie fast alle Ansiedlungen in der (später) badischen Rheinebene planmäßig niedergebrannt (und die Bevölkerung vertrieben)! Das mittelalterliche Oberkirch, es sank dahin, für immer.
     Ab dem frühen 18. Jahrhundert machten sich die alsbald zurückgekehrten Bürger an den Wiederaufbau. Mancherlei Barockbau, zumal wenn die Straßburger Bischöfe direkt involviert, fand den Weg nach Oberkirch; vor allem aber galt einer Stadt dieser kleinen Größenordnung weiterhin der Fachwerkbau als die naheliegendste Konstruktionsweise. Das mittelalterliche Oberkirch war Geschichte, die neuen Baulichkeiten aber strebten wiederum dem alten Bilde nach. Außerdem ward die mittelalterliche Stadtbefestigung, hier und da im Zuge der Stadtniederbrennung gewiss demoliert, wieder instand gesetzt. Das 18. Jahrhundert brachte hier wie überall im späteren Baden wieder ruhigere, prosperierende Zeiten. 1803 jedoch fielen die gesamten Besitzungen des Straßburger Hochstiftes an den im Kielwasser Napoleons schwimmenden badischen Staat.

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Und die neuen Zeiten beließen der Stadt ihre lokale Bedeutung, jedoch nahmen sie ihr die fast nutzlos gewordene, nur noch als einengend empfundene Befestigung. Seinerzeit eine Selbstverständlichkeit, aus heutiger Sicht, da alte Stadtmauern, Türme und Tor allzumal immer Sehenswürdigkeit bedeuten, traurig genug. Obendrein besaß Oberkirch eine ungewöhnlich regelmäßige Umwehrung, beinahe kreisrund und bei fast gleichen Abständen mit Rondellen bestückt, mit zwei Tortürmen, die, einander gegenüber, jeweils am Ende der breiten und zentralen Marktstraße. 1822 ward mit einer durchaus erstaunlichen Konsequenz geschliffen; nur wenig ansehnliche Mauerreste, die alleine die Umnutzung zu Wohnungswänden erhielt, können heute noch gewahrt werden. Ab den 1870ern, im Zuge des Historismus begriff man ganz allgemein den kulturellen und geschichtlichen Wert vor allem der mittelalterlichen Türme und Tore; aber da war’s nach der großen Abrisswut der 1820-40er freilich zu spät! Nur wenige Jahrzehnte standen die Befestigungsinkunabeln in Ungunst, und dennoch genügte diese kurze Zeit um das reiche Erbe der badischen Städte fast vollständig dranzugeben.
     Zwei Stadtpartien Oberkirchs verdienen Beachtung. Da ist zunächst die gerade, breite und nicht kurze Hauptstraße, welche den Altstadtkörper in Südost-Nordwest-Richtung recht sauber halbiert. Im Zuge des Wiederaufbaus entstanden hier steinerne Barockbauten wie z.B. das Amtshaus von 1701 und das Stadtschloss aus 1743, beide in ruhiger und ansehnlicher Fassadenmanier den Verwaltungsbeamten der Bischöfe dienend. Schon frühklassizistisch das Alte Rathaus, 1802 noch unter Straßburger Wappen errichtet; auch hier nüchterne Ansehnlichkeit. Beachtung verdient auch der nächste Putzbau, das Gasthaus zur Sonne, welches nämlich als bestes Beispiel mittelalterliche Details der Niederbrennung 1689 abringen konnte. Ihre steinerne Ausführung, über zwei Stockwerke verteilt, trotzte den Flammen. Des weiteren entstand hier eine Anzahl Fachwerkhäuser, wie das "Haus zum Greifen" von 1738. Gleichfalls an dieser Achse, jedoch knapp außerhalb der alten Ummauerung, das Hotel "Obere Linde", welches als kleine Hofanlage mit zwei Fachwerkhäusern (zur Straße) das schönste Beispiel dieser Konstruktionsart in Oberkirch. Nach der Zerstörung ward es 1692 bis 1702 in teils sehr prächtigem fränkischen Fachwerk über den alten Grundmauern wiedererrichtet.
     Das schönste Architekturteil in der Hauptstraße zeigt aber das "Kirchgätter", ein großes Tor mit gotischem Spitzbogen und Heiligenhäuschen, das den Weg zur Stadtkirche freigibt. Sehr ungewöhnlich ein solches Detail für badische Städte, sehr schön anzusehen obendrein!
     Auch der Campanile der Kirche — mittelalterlich noch an seinen unteren Partien, romantizistisch in der Spitze — sendet, hinter der nördlichen Häuserreihe der Straße stehend, seine Grüße. Den Spitzbogen durchquerend, steht man sogleich vor dem großen Sandsteinvolumen des Gotteshauses, das 1863-66 in der Art des Romantizismus erbaut, den kleineren mittelalterlichen Vorgänger ersetzte. Letzterer gewiss ansehnlicher, ohne dass man dem jetzigen Bild Anstößigkeit bescheiden müsste.

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Was aber der Hauptstraße Eintrag leistet, liegt in fehlender Ausweisung als Fußgängerzone. Eingeklemmt zwischen den Läden mit ihren den Platz weiter beschneidenden Ausstellungsstücken, ihren ausladenden Markisen und der Reihe parkender Autos, ausgesetzt dem Verkehrslärm und den Abgasen, mag man einmal mehr der "verkehrsgerechten" Innenstadt keine urbanen Reize, keine Aufenthaltsqualität bescheinigen. Im Falle Oberkirchs, mit seiner weitgehend intakten historischen Bebauung, umso trauriger. Auch das ausgehende 19. Jahrhundert brachte noch manches Bauwerk ein. Zwar fehlen hier wirkliche Blickfänge, Sehenswürdigkeiten von regionalem Rang (alleine "Kirchgätter" und die überdies abseitige "Obere Linde" sind ein bisschen wenig), Gefälligkeit aber räumen wir dem lebendigen Straßenzug leicht ein.
     Um wie vieles lieber aber, den Unbilden des Autoverkehrs, der Enge der Fußwege, der ständig eingeschränkten Übersicht entronnen, nehmen wir uns des alte Gerber- und Metzgerviertels an. Hier nämlich sperrt man die motorisierten Vehikel aus. Das freilich wäre uns kaum die "halbe Miete", trumpfte hier nicht ein vorzügliches Fachwerkensemble, dessen malerischer Reiz obendrein vom durchfließenden Mühlbach bestens gefördert! Man wähnt sich, umgeben von noch zahlreichen Bauwerken der genuin mittelalterlichen Fachwerkbauweise, um weit mehr Jahrhundert zurückversetzt als tatsächlich der Fall. Auch hier nämlich gründliche Zerstörung und nachmaliger Wiederaufbau: die Häuser stammen aus der Zeit 1689-1803.
     Neben der über Oberkirch thronenden Schauenburg, die wir gerne nochmals hervorheben, bedeutet das alte Gerberviertel den zweiten regionalen Ruhm der Stadt, die zweite gewichtige Sehenswürdigkeit. Man erinnert sich indessen an das berühmtere Gerberviertel in Weinheim (Wanderungen Band ‘1‘), gleichfalls fachwerkgewirkt, jedoch um einiges größer. An Schönheit steht die Oberkircher Ausführung nicht oder nur wenig nach — alleine die deutlich geringere Ausdehnung verhindert hier einen auch überregionalen Stellenwert.
     Gar trefflich lässt sich’s hier flanieren, das Plätschern des Baches und die alte Fachwerkkunst genießend. Ein erfrischendes, lebhaftes Bild, Häuser unterschiedlicher Größe und verschiedener Ausschmückungsgrade aneinander reihend. In mittelalterlicher Manier auch mancherlei Unregelmäßigkeit, welche hier und da ein Haus weiter nach vorne oder zurücktreten, die Stockwerke teils weit auskragen lässt. Und endlich bemerkt die wechselweise Anordnung der Dächer, mal trauf-, mal giebelständig. Jene verschiedenen Maßnahmen aber lassen die Häuser als Individuen, keineswegs als glatt durchgängige Bebauung auftreten. Ein viel- und feingliedriges, ein kunstvolles Bild der Individualität! Ein Abbild also der natürlichen Verhältnisse, unserer selbst; kein Wunder, fühlt man sich hier wohl.


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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Jahreszahlen; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage  www.oberkirch.de

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